Europa

MARKTKOMMENTAR

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Der deutsche Leitindex Dax, die größten europäischen Aktiengesellschaften des Euro Stoxx 50 und der US-Aktienindex S&P 500 haben im ersten Halbjahr 2023 jeweils ein Kursplus von knapp 16 Prozent verzeichnet. Für die US-Technologieaktien im Nasdaq Composite ging es sogar über 30 Prozent aufwärts, während der Schwellenländer-Aktienindex MSCI Emerging Markets gerade einmal 2,6 Prozent zulegen konnte. Damit waren Aktieninvestments im bisherigen Jahresverlauf deutlich ertragreicher, als es wohl die meisten erwartet hatten. Schließlich waren die Voraussetzungen für das Kapitalmarktjahr 2023 Anfang des Jahres alles andere als erfolgversprechend: Der Ukrainekrieg, geopolitische Spannungen zwischen den USA und China, die Hochphase der Corona-Pandemie in China, deutlich erhöhte Inflationsraten und daraus folgend die Zinswende der meisten Notenbanken, verhaltene Konjunkturperspektiven, die sich in den vergangenen Monaten immer stärker eintrübten, und eine zwischenzeitlich drohende Bankenkrise durch die Pleite der Silicon Valley Bank in den USA ließen kaum positive Stimmung aufkommen.

Die weiteren Aussichten für die Aktien­märkte sind verhalten. Ausgehend von der derzeit schwachen globalen Nachfrage im Industriesektor zeichnet sich ein weiter nachlassender Inflationsdruck ab. Einerseits sinken die Produktionskosten im Zuge fallender Energie- und Rohstoffpreise sowie wieder funktionierender globaler Lieferketten. Andererseits sorgen fehlende Auftragseingänge erstmals seit der Wiederbelebung der Wirtschaft nach dem Corona-Einbruch für sinkende Verkaufspreise in der Industrie. Bei Dienstleistungen stiegen diese zuletzt zumindest weniger stark, während der wichtigste Kostenfaktor der Branche, die Löhne, weiter deutlich zulegten. Damit ist in den kommenden Monaten ein zunehmender Margendruck wahrscheinlich, der für verstärkte Gewinnrevisionen und kurzfristige Rücksetzer an den Aktienmärkten sorgen dürfte.

Die meisten großen Notenbanken bleiben vorerst bei ihrem restriktiven geldpolitischen Kurs. Entsprechend äußerten sich jüngst Vertreter der Europäischen Zentralbank (EZB), der US-Notenbank Fed und der Bank of England auf dem internationalen Notenbanken-Forum im portugiesischen Sintra. EZB-Präsidentin Lagarde verdeutlichte, dass als Kerninflationstreiber nunmehr die Entwicklung der Lohnstückkosten angesehen wird: Höhere Löhne bei einer anhaltend hohen Beschäftigung – Unternehmen wollen Belegschaften angesichts des allgegenwärtigen Fachkräftemangels halten – und bei nachgebender Nachfrage lassen die Lohnstückkosten ansteigen. Damit sind aus Sicht der Notenbanken weitere Leitzinsanhebungen sowie ein längeres Ausharren auf erhöhten Zinsniveaus notwendig, um die Inflationserwartungen auf dem angestrebten Niveau von zwei Prozent zu verankern.

Die deutlich gedämpften wirtschaftlichen Aussichten für die kommenden Monate sprechen allerdings dafür, dass die Inflationsraten bis zum Ende des Jahres eher stärker nachgeben könnten als von den Notenbanken aktuell erwartet. Daher könnte mit Blick auf den nächsten Jahreswechsel die Diskussion um mögliche Zinssenkungen im Laufe des ersten Halbjahres 2024 wieder aufkommen. Vor diesem Hintergrund besteht für Aktien nach einer Phase verstärkter Schwankungen in den Sommermonaten die Chance auf eine Stabilisierung der Kurse ab Herbst. Damit ist auch das Erreichen neuer Allzeithöchststände bei deutschen und europäischen Aktienindizes möglich, zumal ab 2024 mit einer wirtschaftlichen Stabilisierung zu rechnen ist.

CARSTEN MUMM
CFA, ist Chefvolkswirt bei der Privatbank DONNER & REUSCHEL.

Er verantwortet die Erstellung der hauseigenen Kapitalmarktmeinung und -publikationen sowie deren Präsentation in Veranstaltungen, Öffentlichkeit und Medien. Im Zuge der Fusion der beiden Bankhäuser CONRAD HINRICH DONNER in Hamburg und Reuschel & Co. Privatbankiers in München im Jahr 2010 führte Carsten Mumm die beiden Asset Management-Einheiten zusammen. In der Folge erfolgte unter seiner Verantwortung die zunehmende Ausrichtung der Asset Management Strategien auf die Bedürfnisse institutioneller Kunden. Seit 2021 ist Carsten Mumm Mitglied im Ausschuss für Wirtschafts- und Währungspolitik des Bundesverbandes deutscher Banken.